Wiener Walzer im Moshpit der Eitelkeiten
Wien ist anders. Das behauptet zumindest das Stadtmarketing, und wer sich an einem Samstagmittag durch den Ehrenhof von Schönbrunn schiebt, weiß: Wien ist vor allem laut, voll und ein einziges riesiges Selfie-Museum. Genau hier setzen Ratlehole mit ihrer neuesten Single "Franz and Sissi - Back To Schönbrunn" an. Wo andere Bands die imperiale Vergangenheit romantisch verklären oder stumpf dekonstruieren, wählt die europäische Virtual-Metal-Combo den Weg der totalen satirischen Übersteigerung. Der Track ist eine akustische Abrissbirne, die mit einem Lächeln serviert wird – garniert mit Schlagobers und Doublebass. Es ist der Soundtrack für jenen Moment, in dem man realisiert, dass die imperiale Pracht nur noch Kulisse für den globalen Tourismus-Stream ist.
Schon das Intro macht keine Gefangenen. Ein trügerisch sanftes Violinen-Motiv, das an die Neujahrskonzerte erinnert, wird brutal von einem Riff zersägt, das so trocken ist wie ein drei Tage alter Krapfen. Ratlehole beweisen hier ihr feines Gespür für Dynamik. Sie wissen genau, wann sie den Kitsch bedienen müssen, nur um ihn Sekunden später mit donnernden Drums in den Boden zu stampfen. Die Produktion ist dabei überraschend transparent; jedes Instrument hat seinen Platz im Mix, was bei der Dichte der Arrangements – Symphonic-Elemente treffen auf Thrash-Anleihen – keine Selbstverständlichkeit ist.

Das Imperium schlägt zurück – aber anders
Textlich bewegen wir uns auf einem schmalen Grat zwischen Nostalgie und Dystopie. "Schönbrunn, Glühwein und an Kaiserschmarrn - wie habe ich das geliebt" klingt zunächst nach der typischen weinseligen Wiener Wehmut. Doch der Bruch folgt sofort. Die "tourists crowd like locusts" (Touristen drängen sich wie Heuschrecken) sind das zentrale Bild des Songs. Ratlehole thematisieren die Entfremdung des historischen Ortes. Der Kaiser kehrt zurück, aber er findet kein Volk, das ihm huldigt, sondern eine Masse, die ihn durch "magic glass" (Smartphones) betrachtet. Diese Metapher sitzt. Die Uniformen aus Neon, von denen der Text spricht, sind die Funktionskleidung der modernen Pilger, die nicht wegen der Geschichte, sondern wegen des perfekten Instagram-Spots gekommen sind.
Musikalisch unterstreicht die Band diese Hektik durch Tempowechsel, die einem Schleudertrauma gleichen. Der Refrain "Gloriette burns – the sky turns red" ist eine Hymne, die live (sofern die virtuellen Musiker je auf einer echten Bühne stehen) für absolute Eskalation sorgen dürfte. Hier verschmilzt der klassische Heavy Metal mit einer fast schon operettenhaften Dramatik. Es ist dieser spezifische "Comedy Metal"-Ansatz, den Ratlehole perfektioniert haben: Die Musik ist handwerklich ernstzunehmen, der Inhalt jedoch bricht die Erwartungshaltung mit einem Augenzwinkern.

Visuelle Anarchie: Kaiser Franz im Laser-Gewitter
Kommen wir zum visuellen Herzstück dieses Releases. Das Musikvideo ist ein Paradebeispiel dafür, wie man historische Strenge mit digitalem Wahnsinn kollidieren lässt. Wir sehen die Protagonisten als 3D-animierte Figuren, die durch ein hyper-realistisches, aber völlig überdrehtes Schönbrunn des Jahres 2025 stolpern. Der Kontrast könnte nicht härter sein: Die elegante Sissi und der stoische Franz Joseph, gefangen in einer Welt aus Selfie-Sticks und Neonlichtern. Besonders stark ist die Szene, in der die Gloriette nicht etwa von der Sonne, sondern von einer absurden Laser-Show beleuchtet wird, während die Band – oder besser gesagt ihre Avatare – auf dem Dach performt.
Es ist diese visuelle Sprache, die den Song auf die nächste Ebene hebt. Ratlehole nutzen die Möglichkeiten der Animation, um Dinge zu tun, die in einem Real-Dreh am Weltkulturerbe-Standort niemals genehmigt worden wären. Ein Feuerwerk über dem Neptunbrunnen, während der Kaiser Luftgitarre spielt? In der Realität ein bürokratischer Albtraum, hier ein visuelles Fest. Bevor wir tiefer in die kulturelle Analyse einsteigen, muss man dieses Spektakel gesehen haben, um die Ironie vollständig zu begreifen:
Schaut euch an, wie die Monarchie auf die Moderne prallt:
Zwischen Wiener Schmäh und Metal-Riff
Nach dem visuellen Overkill lohnt es sich, die kulturelle Komponente zu betrachten. Warum funktioniert dieser Song gerade in Wien so gut? Weil Wien eine Stadt ist, die ihre eigene Morbidität und ihren Pomp liebt, aber gleichzeitig darüber nörgelt. Ratlehole fangen dieses "Raunzen" ein und übersetzen es in Metal. Wenn der Text "Ignor the noise, the world’s profane!" proklamiert, dann ist das der ur-wienerische Rückzug ins Private, ins Biedermeierliche, während draußen die Welt brennt. Nur dass hier nicht die Welt brennt, sondern der Tourismus-Wahnsinn tobt.
Die Bandmitglieder – allen voran die fiktiven Charaktere Lex Alpen und Vera Vale – agieren dabei mit einer Präzision, die manchen realen Bands gut zu Gesicht stehen würde. Der "Fast Waltz of Madness" ist nicht nur eine Textzeile, sondern das rhythmische Fundament des Songs. Der 3/4-Takt wird immer wieder angedeutet, nur um dann von einem 4/4-Stampfer überrollt zu werden. Das ist musikalische Satire auf höchstem Niveau: Der Walzer wird nicht zitiert, um gefällig zu sein, sondern um die Absurdität der Situation zu unterstreichen.

Ein Fazit in Gold und Stahl
Ist "Back To Schönbrunn" nun ein bloßer Gag oder ernstzunehmende Musik? Die Antwort ist: Beides, und genau das macht es so gut. Ratlehole beweisen, dass Comedy Metal nicht albern sein muss. Die Komposition ist dicht, die Lyrics sind cleverer, als sie auf den ersten Blick scheinen, und die Produktion drückt ordentlich. Für Fans von Bands wie Nanowar of Steel oder auch den theatralischen Momenten von Ghost ist dieser Track ein gefundenes Fressen.
Wien hat eine neue Hymne, auch wenn es eine ist, die die Stadtverantwortlichen vielleicht nicht auf ihre Werbeplakate drucken werden. Aber vielleicht ist genau das die ehrlichste Liebeserklärung an diese Stadt: Sie zu nehmen, wie sie ist – laut, überlaufen, aber im Kern immer noch majestätisch und ein bisschen verrückt. Kaiser Franz würde sich vermutlich im Grabe umdrehen, aber nur, um den Takt mitzuklopfen.